Freitag, 31. Dezember 2010

Der "schwierige"Armenier - Ein Abend mit Sahin Ali Söylemezoglu


Reflexionen 5
09.01.2010

von Madlen Vartian


In Minden, einer Stadt an der nördlichsten Spitze Nordrhein-Westfalens mit 83 000 Einwohnern, lud der Ausländerbeirat für den 11.Dezember zu einem Diskussions- und Vortragsabend mit Sahin Ali Söylemezoglu ein. Sahin Ali Söylemezoglu ist der Autor des Buches „Die andere Seite der Medaille: Hintergründe der Tragödie von 1915 in Kleinasien.“ In seinem Buch versucht er zu erklären, warum der Armenische Völkermord kein Völkermord war und wie die Armenier des damaligen Reiches 3(!) Millionen Muslime umgebracht und sich in die Sowjetrepublik Armenien zurückgezogen hätten. Die Armenier, die in den westarmenischen Villayets des Osmanischen Reichen lebten, hätten mit den Russen gegen die Türken kollaboriert und seien ihnen in den Rücken gefallen. Die auf den Deportationen umgekommenen Armenier seien das blutige Werk der Kurden und Tscherkessen gewesen. Die jungtürkische Regierung hätte damit nichts zu tun gehabt. Im Gegenteil, sie hätte sogar versucht die Armenier zu schützen.

Seit über 95 Jahren ist diese Darstellung der geplanten, systematischen Vernichtung der Armenier, die offizielle türkische Staatsversion. Armenier überall auf der Welt kennen sie. So auch Türken. Türkische Kinder und Jugendliche wachsen mit diesen Feindbildern und Stereotypen gegen Armenier auf und pflegen diese hassvollen Bilder vom armenischen Dolchstoß auch in Deutschland.

Der Ausländerbeirat Mindens wollte einen Abend veranstalten und diesem jahrhundertalten Hass ein Ende setzen. Ein Dialog müsse stattfinden, Armenier und Türken sollten sich aussprechen, sich die Herzen ausschütten und ihre Meinungen darlegen, so die offizielle Verlautbarung. Intern machte allerdings eine E-Mail die Runde, die von S. Ali Söylemezoglu in Umlauf gebracht worden war. Darin machte er darauf aufmerksam, dass es zum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands es ermöglicht worden sei, in einem staatlichen Rahmen – nämlich im Rathaus Minden - eine Veranstaltung zu organisieren, die - sinngemäß - der türkischen These von der „Armenischen Lüge“ Raum gebe. Überall in Deutschland müssten nun die deutschen Stellen dazu gebracht werden, vergleichbare Veranstaltungen zu initiieren. Sein Dank gelte den türkischen Kreisen dieses vielversprechenden Erfolges, insbesondere dem türkischen Architekten Ümit Rahmi Tuncel, der sich fast ein Jahr darum bemüht hätte.

Alevitische Freunde machten mich auf diese Veranstaltung und die E-Mail Söylemezoglus aufmerksam und riefen intern ihre Gemeindemitglieder dazu auf, hinzugehen und die Veranstaltung zu stören. Um die zuständigen Stellen aufzuklären, kontaktierte ich den Mindener Bürgermeister, Michael Buhre (SPD), den Moderator des Abends, Pfarrer Andreas Brügmann, den Evangelischen Kirchenkreis Minden, die örtliche Tageszeitung Mindener Tagblatt, sowie den Vorsitzenden des Mindener Ausländerbeirats, den Italiener, Otello Morleo.

Die Reaktionen reichten von Überraschung bis Entsetzen. Die Veranstaltung wurde nicht abgesagt und fand statt, allerdings ohne Beisein des Mindener Bürgermeisters, Michael Buhre, und Pfarrer Andreas Brügmann, der Courage gezeigt und kurzfristig seine Teilnahme als Moderator abgesagt hatte. Fast 200 Zuhörer, davon mehrheitlich Türken, lauschten dem geschichtsrevisionistischen Vortrag Söylemezoglus und sahen sich in ihrem Geschichtsbild bestätigt. Was in seinen einleitenden Worten noch mit „schwieriger Geschichte zwischen Armeniern und Türken“ begann, mutiert im Laufe des Abends zum „schwierigen Armenier und sein vorurteilsbeladenes Problem mit den Türken“. Der hundertjährige Mythos vom Dolch-Stoß und das ewige Bild des armenischen Feindes, der die Türkei vernichten möchte und seine eigene Schuld dem türkischen Volk anzuhängen trachtet, wird als ein Beitrag zur Versöhnung und Annäherung propagiert und die Stigmatisierung der Armenier als Akt der Meinungsfreiheit verteidigt. 
TürkischerJunge mit T-Shirt der rechtsextremistischen Grauen Wölfe und Handzeichen
Die Leugnung des armenischen Völkermordes stellt laut Verfassungsschutzbericht NRW das Pendant zur Holocaustleugnung dar und gilt als Merkmal des türkischen Rechtsextremismus.

Die Leugnung erfolgt seit Jahren durch die Relativierung der Ereignisse und ihrer Akteure. Pseudo-Wissenschaftliche Arbeiten mit angeblich noch unausgewertetem Archivmaterial werden vorgeführt, um aus der Faktizität des armenischen Genozids eine Fachstreitigkeit zwischen zwei Thesen zu simulieren. So ist die Rede von einer „armenischen These“, der eine „türkische These“ entgegenstünde. Die „türkische“ These sei bisher nicht erhört worden, da die türkische Gemeinde diffamiert werde, sobald sie an der Faktizität Zweifel anbringe. Türkische Jugendliche würden dadurch psychische Störungen entwickeln und von der Integration abgehalten werden.

Reue und Wiedergutmachung, zwei Voraussetzungen der Annäherung und Versöhnung, sind undenkbar, da sie als Schwäche ausgelegt werden. Deutschland gilt als abschreckendes Beispiel. Niemals könnten Türken den Kniefall vor den Armeniern tun, so wie es die Deutschen vor den Juden getan hätten. Niemals würden Türken sich von den Armeniern bevormunden lassen, wie es die Deutschen durch die Juden tun würden.

In dieser Gesinnungswelt gibt es keinen Platz für Moral, Aufrichtigkeit, Reue und Buße. Die kritische Auseinandersetzung mit eigenen Geschichts- und Identitätsbildern, jegliche Form der Selbstreflexion gilt als Verrat gegenüber der Nation. Selbstgerecht unterliegt alles dem Wohle der Nation, für die man bereit ist, alles zu opfern.

In Deutschland sollten Akteure, die einen Versöhnungsbeitrag leisten wollen, auf der Hut sein, nicht Geschichtsrevisionisten und Hassrednern ein Podium zu bieten, so wie es in Minden geschehen ist. Denn sonst machen sie sich Mitverantwortlich an der Verbreitung der Genozidleugnung und Stigmatisierung der armenischen Gemeinschaft in Deutschland. Dies fördert weder den Dialog, noch die Integration der Türken in diesem Land.



Teil II: Der Mindener Gerichtshof für Völkerstrafrecht 

5 Kommentare:

  1. Madlen, Dein Artikel ist wieder einmal brillant und absolut treffend, bravo!!!!! Hoffentlich wachen die Deutschen endlich mal auf!!! Hast du das wenigstens der Zeitung und dem Vorsitzenden Mortello geschickt???? Minu

    AntwortenLöschen
  2. Ja, wahrscheinlich deshalb ist es

    AntwortenLöschen
  3. Der angebliche Völkermord an den ARMENiern!
    Die größte Lüge der Weltgeschichte!!

    Armenien ist eins sehr armes Land.
    Armenien erkennt die türkisch-armenische Grenze bis heute nicht an.

    Verfolgt werden demzufolge zwei primäre Ziele:

    1) Reparationszahlung an Armenien

    2) Territoriale Gebietsansprüche

    Hierzu ist die Annerkennung eine entscheidene Voraussetzung.

    Die Deutschen bieten dabei den besten Nährboden.

    AntwortenLöschen
  4. Madlen, wieso sollten die Türken in der Zeit, in der ihr Reich zerfällt und sie am schwächsten sind, einen "Völkermord" durchführen? Wieso wird das nicht im prächtigen Jahrhundert unter Sultan Süleyman, wo das osmanische Reich am größten und mächtigsten war, durchgeführt? Fragen über Fragen!

    AntwortenLöschen
  5. Zum Artikel: Nicht besser als die Worte von Söylemezoglu - nur vom "anderen Lager" verfasst!

    AntwortenLöschen